Raffaels Zeichnungen

Die ALBERTINA ist seit vielen Jahren eine der wichtigsten Forschungsstätten zum Werk Raffaels. Von den Wissenschaftler_innen des Museums gingen zahlreiche Publikationen aus und wurden Ausstellungen konzipiert, die zu einem besseren Verständnis und zu einer Neubewertung von Raffaels Oeuvre geführt haben.


Raffael | Die Madonna mit dem Granatapfel, um 1504 | © Albertina, WienIn erster Linie sind hier die Arbeiten des ehemaligen Direktors, Konrad Oberhuber, zu nennen, der als größter Raffael-Kenner galt. Mit verschiedenen, seit den 1960er-Jahren erschienen Aufsätzen, aber vor allem mit seiner Habilitationsschrift, Raffaels Zeichnungen, Abteilung IX, Entwürfe zu Werken Raffaels und seiner Schule im Vatikan 1511/12 bis 1520 (Berlin 1972) legte Oberhuber die Grundlage zum besseren Verständnis von Raffaels Spätwerk und der Abgrenzung zu dessen Schüler. Seine 1983 verfasste, 1999 in erweiterter und überarbeiteter Form neu aufgelegte Monographie ist bis heute das unübertroffene Standardwerk zu dem Künstler. Erwin Mitsch hat 1983 anlässlich der 500-Jahrfeier Raffaels eine Ausstellung konzipiert, in der er erstmals die Zeichnungen der ALBERTINA umfassend analysiert und einer kritischen Prüfung unterzogen hat. Im selben Jahr erschien der von Eckhart Knab, Erwin Mitsch und Konrad Oberhuber verfasste Oeuvrekatalog der Zeichnungen Raffaels, der bis heute das einzige Grundlagenwerk in deutscher Sprache auf diesem Gebiet ist. Die große, 1999 in Mantua und Wien veranstaltete Ausstellung Raffael und der klassische Stil in Rom 1515-1527 hat sich dem Spätstil Raffaels und seinem Verhältnis zu den Schülern gewidmet und eine Fülle von Neuzuschreibungen von Zeichnungen vorgenommen, die traditionell als Werke des Künstlers gegolten hatten, aber seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als Schülerarbeiten abqualifiziert worden waren.

 

Diese Forschungsergebnisse sind Grundlage für eine Ausstellung in der ALBERTINA, die vom 26. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 stattfindet und dem Gesamtwerk Raffaels gewidmet ist. Sie findet in Zusammenarbeit mit dem Ashmolean Museum in Oxford statt, das über die größte und repräsentativste Sammlung an Zeichnungen des Künstlers verfügt. Gemeinsam besitzen das Ashmolean Museum und die ALBERTINA fast 140 Blätter von Raffael. Die Ausstellung gibt die Gelegenheit, erstmals sämtliche bedeutende Projekte Raffaels aus den verschiedenen Schaffensphasen, der frühen umbrischen Periode (bis 1504), den Jahren des Florenz-Aufenthaltes (1504/1505-1508) und der römischen Zeit (1508/1509-1520) zu präsentieren. Hierfür wird eine Auswahl der bedeutendsten, signifikantesten und schönsten Zeichnungen aus beiden Sammlungen getroffen. Ferner suchen wir um weitere Blätter aus anderen internationalen Museen an, damit ein möglichst geschlossenes Bild von Raffael als Zeichner entstehen kann.
Die in Oxford von Catherine Whistler und Ben Thomas in Zusammenarbeit mit der ALBERTINA konzipierte Ausstellung findet im Ashmolean Museum vom 25. Mai bis zum 3. September 2017 unter dem Titel Raffael and the Eloquence of Drawing statt. Sie analysiert die Rhetorik der Bildmotive im zeichnerischen Werk, untersucht die künstlerischen Mittel, mit denen Raffael Bildmotive wie spezifische Gesten, Physiognomien oder die Gestaltung von Draperien als Ausdrucksmittel für die individuelle Charakterisierung seiner Figuren einsetzt.

 

Die von Achim Gnann in der ALBERTINA kuratierte Schau widmet sich den Fragen der Entwurfspraxis und dem Verhältnis der Entwürfe und Vorzeichnungen zu den ausgeführten Malereien. Da Raffael immer zweckgebunden, also im Hinblick auf die Ausführung eines Kunstwerks gezeichnet hat, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Vorzeichnung – also einer Ideenskizze, Figurenstudie, einem Modello oder Karton - und der endgültigen Realisation des Gemäldes. Um diesen Zusammenhang beleuchten zu können, wird die ALBERTINA Gemälde des Künstlers in die Ausstellung mit einbeziehen. In Oxford werden hingegen nur Zeichnungen präsentiert.
In Wien soll anhand einer umfassenden Dokumentation der zeichnerischen Tätigkeit des Meisters untersucht werden, welche Entwurfsmethoden Raffael bei der Planung seiner Werke anwandte und wie sich der Vorbereitungsprozess bei seinen Tafel- bzw. Leinwandgemälden und Fresken abspielte. Dabei gilt es auch zu erforschen, welche Materialen Raffael in den einzelnen Schaffensjahren verwendete und ob er gezielt zu spezifischen Materialien wie zu dem Silberstift, der Feder und Tinte, Kohle oder dem Rötel griff, um jede Aufgabenstellung auf adäquate Weise zu bewerkstelligen. Die Ausbreitung des reichen zeichnerischen Bestandes in der Ausstellung bietet eine einzigartige Möglichkeit, diese Fragen dezidiert zu analysieren und Besucher_innen nachvollziehbar zu machen. Ferner soll die Tätigkeit in den späten römischen Jahren, in denen Raffael in verstärktem Maße Schüler und Werkstattmitglieder an der Ausführung seiner Werke beteiligte, analysiert werden. In der Forschung herrscht noch Uneinigkeit über die gesamte Dimension von Raffaels zeichnerischem Wirken in den letzten Lebensjahren.

Das Ashmolean Museum untersuchte die Raffael -Zeichnungen mit den neuesten technischen Geräten auf die Verwendung der Materialien und auf Vorzeichnungen hin, und ein entsprechendes Projekt im Februar 2016, wobei vor allem mit Hilfe einer Infrarotkamera untersucht wurde, ob sich bei den auf die Unterlagekartons geklebten Blättern Zeichnungen auf der Rückseite entdecken lassen, die eventuell in einem weiteren Schritt freigelegt werden könnten. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Werk Raffaels verspricht die Ausstellung im Spätjahr 2017 wichtige neue Forschungsergebnisse und verschiedenen Neuzuschreibungen von Zeichnungen Raffaels präsentieren zu können.

Univ. Doz. Dr. Achim Gnann